Dr. med. Hansheinrich Kolbe
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Intelligent altern - Präventivmedizin

 

Ein Virus namens Noro

 

21. Februar 2007 (Aschermittwoch), Straßburg

„ Hallo Doc, ich habe eine Frage. Meine ganze Familie wird seit einigen Tagen von einem Magen-Darm-Virus geplagt. Dürfen wir trotzdem dieses verführerisch duftende Elsässer Sauerkrautgericht bestellen?“

„ Natürlich, Ann-Christin. Nur würde ich an Ihrer Stelle den „Saümawen“ (Saumagen) durch einen Fisch, z.B. Hecht ersetzen – er schmeckt hervorragend zu Yvonnes berühmtem Sauerkraut und verträgt sich besser mit Ihrem ramponierten Innenleben.“

Ann-Christin Graf, attraktive 52, zwinkert mir konspirativ zu. Wir, zwei Familien mit Töchtern und Enkeltöchtern, sind aus der konfettiübersäten Karlsruher Fastnacht ins Elsaß – ein Hauch Frühling liegt bereits in der Luft – geflüchtet. „Chez Yvonne“ meiner Lieblings-Winstub, im Schatten des Straßburger Münsters, haben wir einen der schönsten Tische mit den typisch weiß-rot-gemusterten Tischdecken aus Ribeauvillé (die Touristen denken, sie kämen aus der Provence!) „occupiert“, wie die Franzosen sagen.

Lara, 18 – sie studiert Medizin – schüttelt sich: „Sauerkraut zu meinen Bauchschmerzen, Doc, das wäre hardcore für mich!“

„ O.K., Lara, ich werde Dir vom Küchenchef meine Spezialität gegen Magen-Darm-Infekte zubereiten lassen: Er wird Dir leckere Karotten al dente, d.h. kurz in Butter angedünstet, zubereiten und zum Nachtisch gibt's geriebene Äpfel und eine karamellisierte Honig-Banane. Dazu trinkst Du einen Cocktail aus frisch gepresstem Orangensaft und Kamillentee. Denn es ist enorm wichtig, viel zu trinken, um die Elektrolyte zu ersetzen, die Deinem Körper verloren gehen, wenn Du von einer Entero-Colitis geplagt wirst.“

„ Was ist denn das für ein Tier?“ fragt mich meine neunjährige Enkeltochter Shari leicht verängstigt.

„Weißt Du, Shari, an wenigen Orten geht es so bunt zu wie in unserem Dickdarm. An die hundert Billionen nützlicher Bakterien – mehr als tausend verschiedene Arten – drängen sich in der Finsternis. Diesen Winzlingen geben wir freie Kost und Logis und aus Dankbarkeit helfen sie uns bei der Nahrungsverwertung und versorgen uns mit wichtigen Vitaminen. Ernähren wir uns falsch, z.B. nur mit Fast Food oder essen wir verdorbene Lebensmittel – denk mal an Gammelfleisch, Shari – oder infizieren wir uns mit gefährlichen Erregern, wie fiesen Bakterien, aggressiven Viren, Pilzen und Parasiten, gerät das Gleichgewicht aus den Fugen. Biochemische Regelkreise in unseren Darmzellen brechen zusammen: Unser Darm – das Darminnere hat immerhin 300 Quadratmeter Oberfläche – revoltiert und damit sind wir krank. Das bezeichnen wir Ärzte als Gastro-Entertitis bzw. Entero-Colitis.

Sechs interessierte Augenpaare starren mich an und erst jetzt wird mir bewusst, dass ich in der gastlichen Straßburger Winstub bei Tisch über Übelkeit, Bauchgrimmen und Durchfall doziere. Etwas verlegen komme ich in Stottern, möchte mich für meinen Faux-pas entschuldigen, als alle an unserem Tisch zu lachen beginnen. Sieht fast so aus, als ob ein Kurz-Trip ins Elsaß die beste Behandlung einer Darmgrippe sei.

Ann-Cristin wischt sich die Lachtränen aus den fastnachtsübermüdeten Augen: „Aber mal im Ernst, Doc, was können wir vorbeugend tun, um uns vor diesen hinter- hältigen Noro-Viren zu schützen, die seit Anfang Februar überall herumzuschwirren scheinen?“

„ Ganz normale Hygienemaßnahmen sind am wirkungvollsten: Händeschütteln wenn es geht – vermeiden, sich die Hände öfters waschen – 15 Sekunden mit normaler Seife reicht -, Seife und Handtücher sollten nicht gemeinsam benutzt werden, um Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime und Kinderstätten einen Bogen machen, wenn man nicht unbedingt dort hin muss. Leider ist bislang eine vorbeugende Impfung noch nicht verfügbar.“

„ Und wie schafft es unser Körper, diese winzigen Schurken zu besiegen?“ Lara stochert lustlos in dem probiotischen Joghurt herum, den Yvonne, die „Grande Dame“ der Straßburger Weinstuben, auf den Tisch gezaubert hat.

„ Den Sieg über unsere ärgsten Feinde verdanken wir unserem größten Organ, auch wenn dieses unsichtbar ist, dem Immunsystem. Das Immunsystem des Homo sapiens ist die am höchsten entwickelte Krankheitsabwehr der Natur. Ohne dieses System wären wir alle nur Futter für die Mikroben und ihm verdanken wir unser geradezu unbiologisch langes Leben. Und da wir die Riesenchance haben, einen so mächtigen Verbündeten zu besitzen, sollten wir unser Immunsystem hegen und pflegen und täglich hochpowern.“

Um unsere nützlichen kleinen Darmbewohner nicht unnötig zu ärgern, dafür aber die winzigen bösen Schurken zu killen, haben wir heute schweren Herzens auf den hervorragenden und berühmten Riesling Faller der drei schönen Frauen, Mutter Colette Faller und ihrer Töchter Cathérine und Laurence aus Kaysersberg, verzichtet.

Dafür heben wir Erwachsene unsere mit einem samtigen, himbeerroten 2003er Bordeaux gefüllten Gläser. Was wünschen sich die Franzosen, wenn sie mit einem Glas Wein anstoßen? Santé – Gesundheit

Dr. med. Hansheinrich Kolbe