Dr. med. Hansheinrich Kolbe
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Intelligent altern - Präventivmedizin

 

Liebe – was ist das? 3

 

8. Mai 2007, Germersheim, Südpfalz

„ Hallo Doc, ich habe eine Frage. Sie haben eben in Ihrem Vortrag erzählt, dass die Evolution vor etwa zwei Milliarden Jahren den Sex erfunden hat. Wozu eigentlich?“

Mit meinen Zuhörern zu diskutieren, ist für mich immer eine besondere Freude.

„ Die Erfindung des Sex war ein großer Entwicklungsschub in der Geschichte des irdischen Lebens. Bis dahin kamen die einfachen Wesen, die unseren damals noch nicht wunderschönen Planeten bevölkerten, ohne aus: Sie teilten sich einfach, um sich zu vermehren.“

„ Wie langweilig, Doc!“

„ Finde ich auch, Catherine. Aber einige Organismen probierten was anderes. Zwei einzellige Individuen verschmolzen, mixten ihr Erbgut und teilten sich zu neuen Wesen. Es bildeten sich dafür spezialisierte Keimzellen, unbewegliche Eizellen und kleine bewegliche Spermien. So mixte ein männliches Wesen seine Gene mit denen eines weiblichen – der Ursex war geboren.“

„ Cool und genial.“ Sam, 16, hat eine freche Rothaarfrisur.

„ Es entstanden genetische Variationen, Spielmaterial für die Auslese. Die neuen Ge- schöpfe konnten sich schnell an die veränderten Umweltbedingungen anpassen. Und es gab noch ein Plus: Weil in den Genmix-Populationen auch Individien mit besserer Resistenz heranwuchsen, waren diese stärker gegen Bakterien, Pilze, Viren und Parasiten, mit denen auch wir bis zum heutigen Tag in einem Clinch auf Leben und Tod liegen, gefeit. Das waren gewaltige Vorteile fürs Überleben – so trat der Sex seinen triumphalen Siegeszug an.“

„ Und wie entstand die Liebe?“…schön, dass man mit 17 noch erröten kann.

„ Du weißt sicher, Catherine, dass unsere Urvorfahren schon aufrecht gehen, aber noch nicht sprechen konnten, und ein dichtes Fell besaßen. Die Jungen klammerten sich im Fell der Mutter fest – auch beim Jagen, Sammeln und auf der Flucht vor Raubtieren. Die Erinnerung an dieses Festklammern ist tief in unseren Genen ver- Wurzelt: Dieser „Klammerreflex“ ist auch heute noch das allererste Verhaltensmuster des neugeborenen Babys…noch vor dem Saugreflex. Aber nach und nach verloren die Hominiden ihr Fell. Folge: die Kleinen konnten sich nicht mehr festklammern und blieben schutzlos auf dem Boden zurück. Damit ihre Babys überleben konnten, mussten unsere Urmütter umdenken: Der tierhaft egoistische Instinkt, nur am eigenen Überleben interessiert zu sein, entwickelte sich zur intensiven, emotionalen Vertrauensbeziehung zwischen Mutter und Kind. Kurz: Es fing an zu menscheln.“ „ Waren denn unseren Vorfahren die Zusammenhänge von „Liebe machen“ und

„Kinder zeugen“ bewusst?“

„ Anfangs sicher nicht, Torsten.“ Torsten Stähler sitzt stolz zwischen seinen Enkel- kindern Catherine und Sam.

„ Aber durch die Beobachtung des Verhaltens der Tiere dämmerte es unseren Vorfahren: Nach und nach begriffen sie die Zusammenhänge von Paarung, Zeugung und Geburt und die Männer wurden sich ihrer Verantwortung für das durch sie gezeugte Leben bewusst. Jetzt verstehen Sie, Torsten, dass die Frauen die Entwicklung zum Menschen eingeleitet haben, und die Männer erst anfangen konnten zu lieben, als sie die Verbindung zwischen Zeugung und Geburt verstanden hatten.

Und so entstand – über die Zärtlichkeit und Fürsorge für das schutzlose Baby – die

Liebe zwischen Mann und Frau.“

„ Megacool, Doc. Ist dieses menschlich reagieren auch der Grund, weshalb wir uns

verstecken, wenn wir Liebe machen?“

„ Ja, Catherine. Der Homo sapiens hat den Koitus privatisiert. Dies ist eine weitere Extravaganz der menschlichen Sexualität. Wir machen es nicht unter den Augen der gaffenden Sippe wie alle anderen Tiere, sondern im Verborgenen. Das wiederum befruchtete die geistige Entwicklung unserer Vorfahren – nur so konnten Fantasien, Verklärungen und Tabus entstehen.“

Trotz des traumhaft schönen Mai-Abends werde ich während der Rückfahrt nach Karlsruhe nachdenklich und komme ins Grübeln, obwohl ich die sympathisch- interessierten Teenie-Gesichter meiner jugendlichen Zuhörer noch vor mir sehe: Wie sieht die Zukunft von Liebe, Zärtlichkeit und Sexualität aus? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird die Zahl der „Übungspartnerschaften“ und der Singles weiter steigen und die Geburtenrate weiter zurückgehen. Dies habe ich bereits vor 30 Jahren vorhergesagt. Glücklich bin ich nicht darüber, dass meine damalige Prognose zu Beginn des 21. Jahrhunderts Realität geworden ist – Tendenz zunehmend. Glücklich dagegen bin ich als Großvater und „Gynosaurier“ im Kreise und in der Welt meiner Enkelkinder. „Die Liebe ist immer die Liebe zur nächsten und übernächsten Generation“…stammt nicht von mir, sondern von dem berühmten Philosophen Arthur Schopenhauer.

Dr. med. Hansheinrich Kolbe