Dr. med. Hansheinrich Kolbe
Home praxis-kontakt Kolumnen Vorträge
Intelligent altern - Präventivmedizin

 

„Gender-Medizin“ – schon mal was davon gehört?“

 

18. April 2007, Straßburg, Frankreich

„ Hallo Doc, ich habe eine Frage: Während der Osterferien habe ich meine Freundin Sofia besucht. Sie lebt in Houston und will wie ich Ärztin werden.

Gesprächsthema Nr. eins – der schlimmste Amoklauf in der Geschichte der Staaten hat sich ja erst einige Tage später abgespielt – war dort die „Gender-Medizin“. Was ist das eigentlich genau?“

Lara, 19, studiert mit großem Interesse Medizin in Straßburg und hat Sofia für zwei Wochen nach Frankreich eingeladen. Wir, d.h. Frauenärzte, Pharmakologen und Studenten, diskutieren heute Nachmittag im Hörsaal der Straßburger Universitäts-Frauenklinik über News aus der Medizin.

„ Gender-Medizin“ – von englisch „gender“ = Geschlecht - ist ein Fachbereich, der die Unterschiede von Mann und Frau genauer unter die Lupe nimmt…“

„…das weiß doch in Deutschland jedes Kind, dass Frauen schlecht einparken und Männer sich beim Zuhören schwer tun,“ unterbricht mich Lara.

„ Es geht um mehr als den kleinen Unterschied, Lara. Männer und Frauen brauchen eine unterschiedliche Medizin. Und da stehen wir Mediziner – obwohl wir uns für sooo modern halten – noch im Mittelalter. Bis vor kurzem waren die einzigen Unterschiede für uns, dass Frauen Babys und Brustkrebs kriegen können, Männer dagegen einen Herzinfarkt und eine Glatze.“

„ Warum ist in Old Europe die Medizin in diesem Bereich so antiquiert und verkrustet?“ Sofias texanischer Akzent klingt ein bisschen spöttisch.

„ Ganz einfach, Sofia: In „normalen“ medizinischen Studien und Untersuchungen waren bisher Frauen deutlich unterrepräsentiert: Medikamententestungen wurden bevorzugt an jungen, gesunden Männern durchgeführt. Nicht zuletzt, weil man bei Ihnen nicht befürchten musste, dass sie schwanger werden könnten. Und der seit Jahrhunderten praktizierte „männliche Blick“ der Medizin hat leider oft die richtige Diagnose und Therapie verschleiert und verhindert.“

„ Auch wir Pharmakologen kamen bisher nicht auf die Idee, dass Medikamente bei Frauen anders wirken könnten als bei Männern.“

Prof. Leblanc schaut uns nachdenklich an: „Erst seit kurzem lassen wir und die Pharmakonzerne auch weibliche Probanten „Studien-Pillen“ schlucken und erst seitdem gezielte Untersuchungen auch an Frauen durchgeführt werden, gibt es sichere Therapieempfehlungen für sie. So bleiben Antibiotika und Beruhigungstabletten, wie z.B. Valium, bei Frauen, länger im Körper, weil sie im Fettgewebe – weibliche Rundungen bestehen nun mal überwiegend aus Fett – zwischengelagert werden. Dadurch können sich auch Nebenwirkungen wie Magenprobleme oder Durchfall verstärken. Dies wiederum kann die Wirkung der Antibabypille abschwächen, falls sie gleichzeitig geschluckt wird. Oder denken Sie an Aspirin, das u.a. blutverdünnend wirkt. Vorbeugend gegen Herzinfarkt genommen, wirkt es bei Frauen weniger gut als bei Männern. Dagegen schützt die Acetylsalicylsäure, der Wirkstoff von Aspirin, Frauen besser vor Schlaganfall als Männer. Warum das so ist, weiß aber die Gender-Medizin noch nicht.“

„ Uns Gynäkologen ist es übrigens schon seit längerem aufgefallen, dass Frauenherzen anders schlagen, Mr. Leblanc. Dank breit angelegter Kampagnen ist heute jedem bekannt, dass Atemnot, Brustschmerzen und in den linken Arm ausstrahlende Schmerzen typische Anzeichen für einen Herzinfarkt sind...allerdings nur beim Mann! Stellt sich eine Frau mit Übelkeit und Druckgefühl im Oberbauch bei ihrem Hausarzt vor, wird oft eher eine Gallenkolik oder eine psychosomatische Erkrankung und nicht an einen Herzinfarkt gedacht. Und das sind gerade die typischen Symptome für einen Herzinfarkt beim weiblichen Geschlecht.“

„ Ist das der Grund, dass sehr viel mehr Männer als Frauen einen akuten Herzinfarkt überleben, Doc?“

„ So ist es, Lara. Weißt Du übrigens, dass insgesamt wesentlich mehr Frauen als Männer an der typischen „Männerkrankheit“ Herzinfarkt sterben? Das Phänomen, dass junge Frauen – und gerade die trifft es immer häufiger – nach einem Herzinfarkt eine weitaus schlechtere Prognose haben als gleich alte Männer, kann bis heute noch nicht ausreichend erklärt werden.“

„ Wir Medizinstudenten werden neuerdings speziell darauf hingewiesen, dass man Herz-Kreislauf-Erkrankungen immer noch zu wenig mit Frauen in Verbindung bringt.“

„ Gut so! Mich hat es immer schon gestört, dass für Frauen nahezu ausschließlich das Gespenst Brustkrebs – so gefährlich er auch ist – an die Wand gemalt wird. Dabei wird ignoriert, dass für Frauen die Wahrscheinlichkeit, an einem Mammkarzinom zu versterben, bei drei Prozent liegt, hingegen für Tod durch koronare Herzkrankheit und ihre Folgen bei etwa 31 Prozent.

Übrigens Lara, gestern habe ich beim Einparken mit meinem Wagen das Auto nebendran gestreift und anderen zuhören kann ich sehr gut….Du siehst, auch die Gender-Medizin lässt Ausnahmen von der Regel zu!“

Dr. med. Hansheinrich Kolbe