Dr. med. Hansheinrich Kolbe
Home praxis-kontakt Kolumnen Vorträge
Intelligent altern - Präventivmedizin

 

Doping oder das Schweigen des Lammes: Alle gestehen

…außer Jan U.

 

Pfingsten 2007, Karlsruhe

„ Hallo Doc, ich habe eine Frage. Können Sie in die Zukunft sehen?“

„ Leider nein, Lara…“

„ …doch, Sie können es! Gestern fiel mir beim Aufräumen meines Schreibtisches eine Kolumne in die Hand, die Sie im Sommer 2006 publiziert haben, und was mich verblüfft: Ihre Oldy-Kolumne tickt im Juni 2007 noch aktueller als im August 2006. hier ist sie im O-Ton:

Doping – ja oder nein?

Freitag, 4. August 2006, Karlsruhe

„ Hallo Doc, ich habe eine Frage. Als Präventivmediziner betreuen Sie Leistungs- Sportlerinnen und Hobby-Sportlerinnen wie mich zum Beispiel. Sie selbst treiben viel Sport und sind begeisterter Radfahrer. Was halten Sie eigentlich von Doping?

Lara ist 18 und hat ihr Medizinstudium vor 3 Monaten begonnen. Sie spielt begeistert Tennis und Basketball.

„ Doping ist hervorragend, wenn es gut gemacht wird, unfair, kriminell und sogar lebensgefährlich, wenn es von verlogenen Profis, skrupellosen Sportfunktionären und geldgierigen Medizinern praktiziert wird.“

„ Doping hervorragend?“ Lara starrt mich mit ihren großen braunen Augen erschrocken an.

„ Schau Lara, schon sind wir mitten in der Problematik des Dopings. Kürzlich warst auch Du stark gedopt: Du hattest Dich Hals über Kopf über Kopf in Frank verliebt und dieses Im-siebten-Himmel-Schweben ist das beste Beispiel für perfektes Doping mit natürlichen, körpereigenen Substanzen, den Hormonen und Neutrotransmittern.“

„ Verliebt sein als Doping zu bezeichnen! Sie sind doch sonst nicht so uncharmant.“

Ich will Dir nur an Hand von zwei Beispielen zeigen, wie oberflächlich und undiffe- renziert die Medien, die Rennveranstalter, die Sponsoren, die verantwortlichen Betreuer der Athleten und die Funktionäre mit dem Begriff „Doping“ umgehen. Die Bandbreite des Dopings erstreckt sich nämlich vom Verliebtsein bis zu jenem tragischen 13. Juli 1967, an dem der englische Radrennprofi Tom Simpson bei dem Königsrennen, der Tour de France, dicht unterhalb des Gipfels des berüchtigten Mont Ventoux in den Tod fuhr. In seiner Trinkflasche fand man einen Cocktail von Amphetaminen. Diese Aufputschmittel – sie sind übrigens mit der Modedroge „Exstasy“ chemisch eng verwandt – waren in Zeiten, in denen es EPO noch nicht auf dem Markt gab, die beliebteste Dopingsubstanz. Aber die Szene weigerte sich jahrzehntelang zuzugeben, dass Riesen-Dopingprobleme existierten.“

„ Aber gedopt und getrickst wurde auf der Tour de France doch von Anfang an. Nur war es früher lustiger.“

Torsten Stähler, 76, Großvater von Lara, sportlich und superfit für sein Alter, hat sich augenzwinkernd zu uns gesellt: „ Wein, Absinth und Kokain waren im Proviantgepäck vieler Fahrer. So hatte 1905 der französische Veloziped-Rennfahrer Dortignacq auf der vorletzten Etappe 75 Minuten Vorsprung vor dem Hauptfeld. Was ihn dazu bewegte eine kurze Rast in einem Straßenbistro einzulegen. Nachdem er eine Flasche Vin rouge geleert hatte, verwechselte er die Richtung und fuhr dem Haupt-feld entgegen…einen Tag später wurde er in Paris trotz dieser kleinen Panne Dritter der Gesamtwertung. Um 1904 mussten die vier Erstplazierten disqualifiziert werden, da die sportlichen Sittenstrolche eine gesamte Etappe – mit Ausnahme der letzten fünf Kilometer – auf höchst gemütliche Weise per Eisenbahn zurückgelegt hatten.“

„ Auch eine Form des Dopings, Torsten. Übrigens neueste Untersuchungen haben ergeben, dass unter den 60- bis 80-jährigen Hobby-Radfahrern Dopingmittel besonders beliebt sind. Der Spaß muss groß sein, seinen eigenen Kumpel am Berg abzuhängen!“

„ Ohne uns, Doc! Und der Ausweg aus der Misere?“

„ Zur Zeit probt der Radsport den Aufstand der Anständigen, also Null-Toleranz des Dopings. Das ist leider völlig unrealistisch. Längst hat das Doping einen festen Platz bei vielen Profisportarten inne, in denen man ohne Doping keine Chance mehr hat. Und ohne Siege gibt es weniger staatliche Förderungsgelder. Dass der Radsport den Dopingmissbrauch in den Griff bekommt, kann ich nicht glauben. Dazu ist die Branche zu voll von Tätern, Lügnern und Vertuschern. Ganz offen dagegen tauschen sich Sportler im Internet Erfahrungen aus über „The Cream“, ein Gel mit Testosteron und Epitestosteron, und „The Mexican Bean“, Inhaltsstoff: Andriol. Und jeder kann sich ein teuflisches Menü aus Testosteron, EPO und Wachstumshormon mit dem nötigen Kleingeld leicht bestellen. Nur ein Beispiel: Auf dem Frankfurter Flughafen vertreibt die organisierte Kriminalität aus Osteuropa alle Dopingsubstanzen, sorgfältig aufgegliedert nach den einzelnen Sportarten. Mein realistischer Lösungsvorschlag zielt nicht auf Verbot des Dopings.“

„ Also Doping entkriminalisieren?“

„ Genau, Lara. Jeder, der Rad fährt kann nachvollziehen, dass niemand, auch kein supertrainierter Profi, in mehreren mörderischen Etappen mit 42 Stundenkilometern über die Pyrenäen und die Alpen fliegen kann, ohne gedopt zu sein. Würden die Radrennfahrer ohne Doping mit 30 über die Alpen schleichen, gäbe es keine Zuchauer mehr.“

„ Aber der Zuschauerrückgang war doch in diesem Jahr schon gewaltig.“

„ Eben Torsten. Deswegen muss im Interesse der Glaubwürdigkeit unseres geliebten Sports das Doping legalisiert werden…aber unter strengster medizinischer Kontrolle und mit gesetzlicher Verankerung, sprich: Staatliches Doping-Kontroll-Gesetz. Um ein Auto fahren zu dürfen benötigt man einen Führerschein. Warum sollte es für einen Profisportler nicht Pflicht werden, einen Gesundheitspass mit seinen „normalen“

Testosteronwerten und den möglichen Anomalien seiner Laborwerte bei sich zu führen. Das legalisierte, strengstens kontrollierte Doping würde die Gesundheit der Profis schützen, die organisierte Kriminalität der Dealer und der korrupten Funktionäre zur Bedeutungslosigkeit reduzieren und wir hätten wieder Spass an unseren Lieblings-Sportarten, live oder im Fernsehen.“

„ Aber zuvor radeln wir drei nach Baden-Baden…nicht ohne uns mit Waldluft, Sonne und guter badischer Küche zu dopen.“

Dr. med. Hansheinrich Kolbe