Dr. med. Hansheinrich Kolbe
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Intelligent altern - Präventivmedizin

 

Die Macht der Mütter 3

 

Weißer Sonntag 2007, Karlsruhe

„ Hallo Doc, ich habe eine Frage. Darf eine Stillende Champagner trinken?“

Cristina bewundert glücklich das kleine, ruhig schlummernde Etwas in dem zauberhaften Himmelbettchen, in dem sie selbst vor 33 Jahren ihre ersten Lebensmonate verbracht hat.

„ Genießen Sie Ihr Glas Champagner, Cristina, und stoßen wir auf das Wohl der kleinen Selina an.“

„ Ich kann mein Glück noch immer nicht fassen: Meine Schwangerschaft ist völlig problemlos verlaufen, die Entbindung vor einer Woche ebenfalls und jetzt der Anblick dieses kleinen, strampelnden Wunders hier im Bettchen…ich gebe Euch Frauenärzten und meiner Hebamme die Note „Eins mit Stern“. Einverstanden, Doc?“

„ In Ihrem Fall ja, es ist aber zum großen Teil Ihr Verdienst, Cristina. Auch wir vom Fach geben Ihnen die Bestnote. Sie haben sich VOR Ihrer ersten Schwangerschaft optimal informiert, Ihren Körper auf die Schwangerschaft VORbereitet und alle VORsorgeuntersuchungen durchführen lassen, während Ihrer Schwangerschaft diszipliniert und gesundheitsbewusst gelebt, bis einige Stunden vor der Enbindung in Ihrem oft stressigen Beruf als Wissenschaftsjournalistin gearbeitet…und alles mit einem Lächeln.“

„ Es war ja auch die bisher schönste Zeit meines Lebens.“

„ Leider ist dies aber nur bei etwa einem Drittel der Schwangeren der Fall. Die meisten Frauen gehen völlig unvorbereitet in eine Schwangerschaft: Zu dick, zu mager, mit Krampfadern und Paradontose, mit gestörtem Zuckerstoffwechsel oder einer Schilddrüsenfehlfunktion, ohne Kenntnisse über richtige Ernährung und über die Gefahren von Infektionskrankheiten und mit einer völlig falschen Einstellung körperlichen, mentalen und beruflichen Aktivitäten gegenüber. Undselbst während der Schwangerschaft wird oft die Zigarette nicht aus der Hand gelegt. Eine Deutsche futtert durchschnittlich 30 kg Zucker während dieser neun Monate in sich hinein…

3 kg wären ideal. Ich gebe der Schwangerenberatung, wie sie in Deutschland im Jahr 2007 praktiziert wird - im internationalen Vergleich zu anderen Industrienationen - die Note „drei minus“ und der medizinischen Schwangerschaftsbetreuung eine „zwei minus“.“

„ Und wo liegen die Probleme, Doc?“

„ In zwei Segmenten. Erstens: Unser Gesundheitssystem – einst das beste auf dieser Welt – ist krank: Es ist veraltet, zu wenig effizient, zu teuer und dem heutigen medizinischen Wissenstand und unserer wirtschaftlichen Situation nicht adaptiert. Die neu- deutsche Übersetzung für das Wort „Gesundheitsreform“ – das Wort ist an und für sich schon ein schlechter Witz – lautet: Beitragserhöhungen und drastische Kürzungen der Leistungen für die Patienten. So ist z.B. das Abkassieren des vollen Mehrwertsteuersatzes von 19% (!) auf Medikamente durch den Bundesfinanzminister eine Unverschämtheit und dazu noch einmalig in Europa. Das bedeutet nochmals 900 Millionen Euro weniger Geld in unserem Gesundheitssystem! Weltrekord ist dagegen die Zahl unserer Krankenkassen: Wir Beitragzahler finanzieren die Verwaltung von über 400 Krankenkassen. Warum eigentlich? 10 bis 12 täten es effizienter…und wesentlich billiger. Und Prävention – was am meisten Geld sparen würde – liegt mit 6% an der letzten Position unseres Gesundheitsbudgets.„ Ich finde es gut und wichtig, dass Sie so offen über diese Missstände reden. Und was ist das Problem Nr. zwei?“

„ Dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten zehn Jahre noch keinen Eingang in unser Alltagsverhalten gefunden haben. Leider liegt es nun mal in der menschlichen Natur, vernünftig zu denken und unlogisch zu handeln. Menschen rauchen, bis man ihnen die Beine amputiert oder sie an Lungenkrebs sterben. Sie sind sich der Vergiftung durchaus bewusst und tun es trotzdem.“

„ Und was hat das mit der Betreuung unserer Schwangeren zu tun?“

„ Ungeheuer viel, Cristina. Nie würde eine Leichtathletin in einen Wettkampf oder eine Tennisspielerin in ein Turnier ohne intensives Training und ohne Ratschläge ihres Coaches gehen. Gut zwei Drittel unserer Schwangeren aber tun dies. Eine Schwan-gerschaft ist nämlich für den weiblichen Körper eine Phase der Höchstleistung, in der alles optimal funktionieren sollte. Die Folgen dieser fehlenden Prävention sind die schwangerschaftsspezifischen Erkrankungen, die nicht alle, aber zu einem großen Teil, vermeidbar wären: kranke Schwangere, Frühgeburten, geschädigte Babys, hohe Kosten für unser Gesundheitssystem und unsere soziale Welt durch unnötige Arbeitsausfälle in der Familie und im Beruf, Sorgen und Trauer…muss das 2007 noch sein?“„ Ich verstehe, Doc. Aus dem Blickwinkel des heutigen medizinischen Wissens gesehen geben Sie der Betreuung der zu wenig und dazu noch schlecht informierten Schwangeren die Note „nicht ausreichend“. Ihr Arzt könnte sie wesentlich besser beraten und die Schwangere sich günstiger für ihren Körper, ihr Baby und ihre Umwelt verhalten.“

„ Sie, Cristina, sind das beste Beispiel, dass dies ohne großen finanziellen Aufwand und ohne spezielle mentale Balanceakte möglich ist. Und unserem kurz vor dem K.O. stehenden Gesundheitswesen haben Sie – für uns alle ein günstiger Nebeneffekt – viele Euros gespart.“

Im Himmelbettchen rührt sich was, Selina ist aufgewacht. Cristina nimmt ihre kleine Tochter aufden Arm und beginnt zu stillen.

„ Ich trinke jetzt mein zweites Glas auf das Wohl von Euch beiden. Für Stillende ist nach dem ersten Glas Schluss mit dem Champagner.“

Dr. med. Hansheinrich Kolbe