Dr. med. Hansheinrich Kolbe
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Intelligent altern - Präventivmedizin

 

Ab in die Krippe

 

1. März 2007, Karlsruhe

„ Hallo Doc, ich habe eine Frage. Seit zwei Wochen gibt es für die Medien nur noch ein Thema: Ursula von der Leyen fordert neue Krippen- und Tagesmütterplätze für unsere ganz Kleinen. Ein Bischof findet den Vorstoß unserer Familienministerin „kinderfeindlich und ideologisch verblendet“. Und der fromme Gottesmann setzt noch eins drauf: „Diese Pläne degradieren Frauen zu Gebärmaschinen, die ihre Kinder schnellstens in den Hort stecken, um selbst wieder zu arbeiten.“ Worauf der SPD- Vorsitzende Kurt Beck – schließlich muss er ja demonstrieren, dass er auch was zu diesem Thema zu sagen hat – den Bischof als „kastrierten Kater“ bezeichnet und, dass Ursula von der Leyen ihre Forderung, die Krippenbetreuung für Kids unter drei Jahren auszubauen, eigentlich als Idee bei der SPD abgekupfert habe, aber nicht finanzieren könne. Was steckt denn eigentlich hinter diesem Kuddelmuddel?“

Katrin Wagner ist 35 und praktiziert ihren Job als Lehrerin mit Begeisterung.

Meine Frau und ich haben heute wieder mal „full house“: Katrin mit ihrem Sohn Karim und ihrer Tochter Hannah, Aude, meine Schwiegertochter mit ihrem Sohn Noé – sie wohnt in Toulouse, wo sie als Redakteurin bei einem Frauen-Magazin tätig ist - meine Enkeltöchter Shari und Shanti und ihre Cousine Johanna….zwischenzeitlich ähnelt unsere Wohnung mehr einem Toys'r'us, in dem ein Hurricane getobt hat, als einem Rentner-Domizil.

„ Ich kann es Ihnen erklären, Katrin, da ich die ganze Entwicklung miterlebt habe: Seit etwa 40 Jahren – damals startete der Siegeszug der „Pille“ – gehen die Geburtenzahlen in Deutschland kontinuierlich zurück. Wir liegen mit durchschnittlich 1,3 Kindern je Frau an vorletzter Stelle in Europa. Nur noch im Vatikan plärren weniger Babys…und das aus leicht nachvollziehbaren Gründen. Parallel dazu kam es zu radikalen Veränderungen der gesellschaftlichen Normen: Immer mehr Frauen wurden berufstätig, noch dazu in immer anspruchsvolleren Berufen. 2007 liegt der Anteil der berufstätigen Frauen bei knapp 80%, davon mit Kind (unter 12) bei 60%.“

„ Und wir Frauen bekommen unsere Kinder in einem immer höheren Lebensalter.“ Der französische Akzent von Aude ist so charmant.

„ D'accord (einverstanden), Aude, wir Fachleute bezeichnen das als den „Timing-Effekt.“ Zusätzlich wollen immer mehr Paare überhaupt keine Kinder, selbst verheiratete Paare nicht. Über Frauen, die gar keinen Kinderwunsch haben, wundert sich in Deutschland niemand mehr. Und ein weiteres Phänomen: Es gibt immer mehr Singels.“

„ Steigt nicht auch die Zahl der kinderlosen Singels, Doc?“

„ Das und der immer härtere Kampf um den Job führt zu immer niedrigeren Geburtenraten. Ausbildung, Berufserfahrung, erst mal die Welt kennen und genießen lernen…die unbestreitbaren Vorteile des Single-Daseins sind in den Vordergrund gerückt. Die Geburt des ersten Kindes muss warten. Das zweite kommt dann erst gar nicht. Für eine zweite bzw. dritte Schwangerschaft fehlt dann einfach die biologische Zeit. Jedenfalls hat sich Konrad Adenauer in den 60er Jahren mit dem Satz „Kinder bekommen die Leute sowieso“ gründlich geirrt.“

„ Bei Euch, Aude, ist die Rate auf fast 2 Kinder je Französin geklettert.“ Katrin schaut Aude fragend an:“ Ich als Lehrerin im Full-time-Job brauche meine Familie, meinen Freundeskreis und vor allem Organisationstalent, um meinen Kindern das Leben zu ermöglichen, das ich gern für sie hätte. Habt Ihr in Frankreich andere Lösungen?“

„ Ich habe Noé – er ist jetzt fast drei – schon im Alter von zweieinhalb Monaten tagsüber zu einer „Nounou“, wie man ein Kindermädchen bei uns nennt, gegeben. Unsere Nounou betreut auch andere kleine Kinder aus der Nachbarschaft, kommt Aber auch, wenn ich es wünsche, zu uns ins Haus. Die Kosten dafür – ich zahle zwei Drittel – sind steuerlich absetzbar. Bald wird Noé in eine ganztägige Vorschule gehen.“

„ Aude und Katrin, Ihr beiden Super-Mamis, teilt Euch mit Eueren Ehemännern und uns Großeltern das Glück über Eure Kinder. Aber was sind Kinder der Gesellschaft wert? Während in Deutschland die Kinderfreundlichkeit immer noch ziemlich oft im Argen liegt – vom Restaurant bis zum Urlaub: Spielende Kinder werden oft nur als Lärmemission empfunden -, sind Kinder in den USA eine Art Statussymbol, dass man es zu was gebracht hat. Und Frankreich's Gesellschaft betet Kinder an und sieht in ihnen das Wertvollste, was die „Grande Nation“ besitzt. Ich sehe bei anhaltender Kinderfeindlichkeit die Zukunft Deutschlands noch stärker in Gefahr, als sie jetzt schon ist.“

„ Einfrieren des Kindergelds, Ehegatten- oder Familiensplitting, sich das Geld für die kleinen Kinder aus den Taschen der Eltern der Schulkinder holen…auch nach ökonomischen Kriterien, scheint mir, läuft in der Familienpolitik so ziemlich alles schief, Doc.“

„ Mir kommt die Familienpolitik, an der in Berlin gebastelt wird, so vor, als würden unsere Politiker in Gibraltar einen Zuckerwürfel ins Mittelmeer werfen und am Bosporus Süßwasser erwarten. Und um die Situation zu verändern, dass sich immer mehr junge Frauen gegen Kinder entscheiden, weil beides gleichzeitig - Familie und Beruf – so unvereinbar erscheint, oute ich mich jetzt: Ich bin ein Fan, nicht nur vom KSC, sondern auch von Ursula von der Leyen.“

 

Dr. med. Hansheinrich Kolbe